Viktoriastift in Finkenbach-Gersweiler

Alternative Bezeichnungen: Geistervilla

Seit Anfang der 1970er Jahre steht das ehemalige Viktoriastift, das von dem Finkenbacher Heinrich Lieser 1922 als landwirtschaftlicher Musterbetrieb errichtet wurde, leer. Im Laufe der Jahrzehnte diente das villenartige Herrenhaus als Landwirtschaftsbetrieb, Kindererholungsheim, „NSV-Müttergenesungsheim“, Landesumschulungshof sowie als Altenheim. Heute befindet sich das denkmalgeschützte Anwesen in Privatbesitz.

Geschichte

Der gebürtige Finkenbacher Heinrich Lieser (1891-1959) ließ das Viktoriastift zwischen 1919 und 1922 im neubarocken Stil nach den Plänen des Ludwigshafener Architekten August Greifzu (1873-1949) errichten.

Landwirtschaftlicher Musterbetrieb

Heinrich Lieser verlor früh seinen Vater und wurde von seiner Mutter aus der Not heraus zu einer Bauernfamilie gegeben, wo er sich gut anstellte. Später absolvierte er eine Kaufmannslehre in einem Eisenwarengeschäft in Kirchheimbolanden. Nach seinem Abschluss landete er in einem Geschäft der gleichen Branche in Ludwigshafen, wo er auch seine spätere Ehefrau kennenlernte. Diese ermöglichte ihm durch ihre Verbindungen und Herkunft den Weg in die Selbstständigkeit. Sein eigenes Geschäft in Mannheim blühte vor allem während des Ersten Weltkrieges (1914-1918) auf. Er verdiente damit ein so großes Vermögen, sodass er sich in seinem Heimatort Finkenbach dieses riesige Bauwerk errichten ließ. Sein Ideal für das Bauvorhaben war ein landwirtschaftlicher Musterbetrieb. Zudem erwarb er 120 Tagewerk Äcker und Felder. Ab 1926 begann der finanzielle Abschwung für Lieser, unter anderem bedingt durch die Inflation im Jahr 1923. Er war bankrott und verlor alles, was er aufgebaut hatte. Außerdem war er ein Gegner des Nationalsozialismus, was zur Folge hatte, dass sein Anwesen Ende März 1933 von der „SA“ überfallen und das Haus samt Einrichtung stark beschädigt wurde. Kurz darauf wiederholte sich der Überfall, bei dem Lieser in Schutzhaft genommen wurde. Er verließ schließlich die Gemeinde, um neu Fuß zu fassen. Seinen Lebensabend verbrachte er in einem Nachbarhaus seiner Eltern in Finkenbach-Gersweiler.

Kindererholungsheim

Das Anwesen Liesers musste an die protestantische Kinderheilanstalt Viktoriastift in Bad Kreuznach verkauft werden und diente nunmehr als Zweiganstalt für kurende Kindern im Alter von 4 bis 14 Jahren. Sie kamen überwiegend aus dem Koblenzer Raum und hielten sich für jeweils vier Wochen in Finkenbach auf. Insgesamt waren 80 Betten vorhanden mit Liegestühlen, Spielplätzen sowie eine große Parkanlage. Die Schlafräume waren alle mit fließendem Wasser, Baderäumen und Duschanlagen ausgestattet. Die Bewirtschaftung des Hofguts, mit zu diesem Zeitpunkt 60 Hektar Fläche, mit modernen landwirtschaftlichen Maschinen, einer Tierhaltung von rund 50 Kühen, 100 Schweinen und einer Hühnerfarm mit rund 500 Hühnern wurde neben dem Erholungsheim von der Hauptstelle in Bad Kreuznach gesteuert und diente der Erzeugung von Nahrungsmittel für eigene Zwecke. Im September 1928 brannte das Verwaltungsgebäude nebst Stallungen bei einem Großfeuer bis auf die Grundmauern ab und wurde dann wiederaufgebaut. Im Jahr 1933 wurde das Kinderheim geschlossen.

„NSV-Müttergenesungsheim“, Landesumschulungshof und Altenheim

Im Juni 1934 wurde im Hauptgebäude ein Müttergenesungsheim der „nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ eingerichtet. Ebenso wurde im Obergeschoss des Verwaltungsgebäudes ein Erholungsheim für rund 120 Reichsbahnkinder eingerichtet. Zeitweilig dienten die Gebäude auch als Stabsquartier für durchziehende Truppenverbände der Deutschen Wehrmacht. Nach dem Zusammenbruch der Westfront hielten sich dort auch heimkehrende Soldaten auf. Zwischen 1943 und 1957 wurde ein Landesumschulungshof eingerichtet. Junge Männer wurden in die Landwirtschaft eingeführt sowie als Schlosser und Schreiner ausgebildet. Die landwirtschaftlichen Zweckbauten wurden im Jahr 1957 verpachtet.

Das Müttergenesungsheim wurde 1943 aufgelöst und ein Altenheim mit Siechenhaus etabliert. Das Altenheim war ebenfalls eine Zweigstelle des Viktoriastifts in Bad Kreuznach. Es wurden hauptsächlich gebrechliche Menschen darin untergebracht, die nach Kriegsende ohne Heimat und mittellos waren. Der größte Teil der Heimbewohner war zwischen 70 und 80 Jahre alt und weiblich. Die Versorgung des Altenheims war schwer, da das Heim nur spärlich mit finanziellen Mitteln ausgestattet war. So halfen die Bewohner beispielsweise bei der Essenzubereitung mit. Erst in den letzten Kriegsjahren verbesserte sich die Situation, als Amerikaner Essen und Kleidung brachten.

Das Altenheim geriet 1970 in die öffentlichen Schlagzeilen. Die Unterbringung und Behandlung der Senioren wurde als nicht menschenwürdig angeprangert und beklagt. Seinerzeit wurde die Heimleiterin beschuldigt die Bewohner gequält und misshandelt zu haben, woraufhin sie suspendiert wurde. Im Jahr 1971 wurde das Heim schließlich geschlossen, begründet mit der Abgeschiedenheit Finkenbachs sowie den hohen Kosten zur Erneuerung der sanitären Anlagen und des Bauunterhalts. Seit der Schließung des Altenheims wird das Viktoriastift auch als Geistervilla bezeichnet. Man sagt, dass dort die Geister der verstorbenen Heimbewohner ihr Unwesen treiben.

Leerstand nach 1972

Die Hofanlage wurde 1972 mit über 60 Hektar Fläche an eine Privatperson veräußert. Alle bereits früh entwickelten Sanierungs-, Umbau- und Erweiterungspläne scheiterten. Die landwirtschaftlichen Nutzflächen wurden verkauft oder verpachtet. Die Besitztümer wurden später an verschiedene Eigentümer aufgesplittet und es wurden neue Pläne für eine Kur- und Erholungsanlage geschmiedet. Auch diese Pläne scheiterten auf Grund eines Mangels an Investoren und der Uneinigkeit der verschiedenen Eigentümer.

Seit 1990 steht das Bauensemble Viktoriastift unter Denkmalschutz beziehungsweise Teilflächen sind als Denkmalschutzzone ausgewiesen. Im Jahr 1995 erzwang schließlich die Denkmalschutzbehörde die Teilrenovierung des Viktoriastifts. Das Herrenhaus erhielt ein neues Schieferdach und 2003 mussten auch Teile des Daches des Verwaltergebäudes saniert werden. Im Jahr 2005 wurden auch an der Scheune Bauunterhaltungs- und Bausicherungsmaßnahmen durchgeführt. Bis heute ist das ehemalige Viktoriastift ungenutzt und der Zahn der Zeit nagt weiter an den historischen Gebäuden.

Objektbeschreibung

Das Viktoriastift befindet sich am Ortsausgang von Finkenbach-Gersweiler auf der rechten Seite über dem Moschelbach in Richtung Obermoschel. Es besteht aus drei mächtigen mehrgeschossigen Gebäuden. Auf der linken Seite steht eine riesige Scheune mit bergseits befahrbaren Hochtennen (großer Raum, in dem landwirtschaftliche Maschinen entladen oder abgestellt werden). Auf der rechten Seite befindet sich ein großes Verwaltungsgebäude mit ausgedehnten Stallungen und Schlachthaus. Dazwischen liegt das höher gelegene alles überragende villenartige Herrenhaus. Zusammen sieht es fast aus wie ein Schloss. Beim Herrenhaus handelt es sich um einen eingeschossigen Sandsteinquaderbau mit ausgebautem Mansardwalmdach. Das Erscheinungsbild dieser neubarocken Dreiflügelanlage wird von einem sechseckigen Dachreiter geprägt. Die Veranda mit aufwendig gearbeiteter Sandsteinbrüstung ist ebenso großzügig angelegt und ist mehrere hundert Quadratmeter groß.

Das Eingangsportal am Herrenhaus ist etwas in die Gebäudefront zurückgesetzt und wird von einer Vorhalle überdacht. Diese Vorhalle besitzt vier über zwei Stockwerke reichende Halbsäulen, die durch einen schmalen überstehenden Balkon betont werden. Darüber schließt ein barock geschwungener Giebel an. Im Inneren beeindruckt die doppelgeschosshohe Empfangshalle mit ihrer mächtigen Dimension, den Stuckarbeiten und dem imitierten Kamin. Vier neubarocke Rundsäulen tragen unter zwei Gewölben die Last des Dachgeschosses. Die Räume des oberen Stockwerkes sind mit hölzernen Kassettendecken und Parkett ausgestattet. Für diese Zeit äußerst modern waren die Anschlüsse für sanitäre Anlagen sowie Heizkörper in den Räumen.

Umgeben sind die Gebäude von einer großzügigen Gartenanlage, die heute allerdings verwildert ist. Der einstige Glanz des Anwesens lässt sich heute nur noch erahnen.

Literaturverzeichnis

  • Gemeinde Finkenbach-Gersweiler (o.J.). Viktoria-Stift. Finkenbach-Gersweiler.
  • Manfred Schweitzer (o.J.). Am meisten schmerzt der Zerfall. Rheinpfalz-Lokalredaktion Rockenhausen .
  • Torten Schlemmer (26.1.2011). Das Viktoria-Stift im Dornröschenschlaf. Rheinpfalz-Lokalredaktion Rockenhausen .
  • Torsten Schlemmer (13.1.2005 ). Vergangenheit mit schönene Erinnerungen. Rheinpalz-Lokalredaktion Rockenhausen .
  • Torsten Schlemmer (10.1.2003 und 26.4.2003 ). Absicht kann Zweifel nicht ausräumen etc. Rheinpfalz-Loklaredaktion Rockenhausen .
  • Arno Mohr (4.11.1987). Turnhalle im neuen Glanz. Alsenz-Obermoschel .
  • Dieter Krienke (1998). Kultur-Denkmäler in Rheinland-Pfalz, Bd. 15. Worms.

Quellenangaben

Artikel-Historie

Koordinaten:

49° 41“ 8′ N, 7° 44“ 51′ O

Datierung:
1922

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